“Das Orlacher Missale – Ein romanischer Schatz von seltenem Rang – Zeugnis mittelalterlicher Buchkunst und Liturgie zwischen Schwaben und Franken.”
Das Orlacher Missale ist eine bisher fast unbekannte liturgische Handschrift des späten 11. Jahrhunderts. Der auf Pergament geschriebene Codex ist ein notiertes Messbuch, welches liturgische Texte, Rubriken sowie umfangreiche musikalische Notationen vereint, die für die Durchführung der Messfeier im gesamten Kirchenjahr erforderlich waren. Als bedeutendes Zeugnis mittelalterlicher Buch- und Kulturgeschichte stellt die Handschrift einen wertvollen Beitrag zur Erforschung des europäischen Erbes dar. Es handelt sich um das einzige vollständig erhaltene Missale aus dieser Zeit und eröffnet einen neuen Blick auf das Liturgieverständnis aus der Zeit vor dem Wormser Konkordat (Investiturstreit) und erschließt bisher unbekannte liturgische Vertonungen.
Dem EUROPEAN HERITAGE PROJECT gelang es 2026, das Orlacher Missale zu erwerben und damit einen bereits vereinbarten Verkauf an ein chinesisches Unternehmen zu verhindern. Andernfalls wäre das Werk auf unabsehbare Zeit der Öffentlichkeit entzogen und seiner Ursprungsregion dauerhaft verloren gegangen.

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Ein romanischer Schatz des ausgehenden 11. Jahrhunderts
Das Orlacher Missale ist ein reich verziertes, mit Musik notiertes Messbuch aus dem späten 11. oder frühen 12. Jahrhundert – ein romanisches Meisterwerk, das aus dem kulturellen Raum Schwabens und Frankens stammt. Als „Missale notatum” enthält es alle für die Feier der heiligen Messe im Verlauf des liturgischen Jahres notwendigen Anweisungen, Texte und Gesänge. Handschriften dieses Ranges und dieser Qualität sind auf dem Markt äußerst selten – das Orlacher Missale gehört zu den bedeutenden erhaltenen Zeugnissen mittelalterlicher Buchkunst und Liturgie.
Inhalt und liturgische Bestimmung
Der Codex ist nach dem klassischen Aufbau eines Messbuchs gegliedert. Das Temporale enthält die Messtexte für jeden Tag des Kirchenjahres, geordnet um die Feste von Weihnachten und Ostern. Das Sanctorale folgt dem Jahreslauf entlang der Heiligengedenktage, während am Ende die Votivmessen für besondere Anliegen stehen. Vorangestellt ist ein außergewöhnlich „voller” Kalender, der eine Fülle an Informationen über die ursprüngliche wie die spätere liturgische Verwendung der Handschrift bietet – über drei Jahrhunderte hinweg wurden hier Einträge ergänzt.
Nach paläographischen Merkmalen und dem Stil der feinen Federzeichnungen lässt sich das Missale in das äußerste Ende des 11. oder den Beginn des 12. Jahrhunderts datieren. Geschrieben ist es in einer aufrechten deutschen karolingischen Minuskel von einer einzigen, gleichmäßigen Hand.
Ein Werk zwischen drei Diözesen
Die ursprüngliche liturgische Bestimmung der Handschrift weist nach Augsburg: Der ursprüngliche Kalender verzeichnet feierlich das Kirchweihfest des Doms zu Augsburg am 28. September – ein Eintrag, der kein Zufall sein kann, während ein entsprechender Hinweis auf Würzburg fehlt. Der Kalender spiegelt insgesamt den Augsburger Gebrauch wider, teilt jedoch zahlreiche Heilige mit den benachbarten Diözesen Würzburg und Konstanz.
Das Missale entstand somit vermutlich in einer Abtei am Rand der Diözese Augsburg, im kulturellen Grenzraum Schwabens und des angrenzenden Unterfranken. Stilistisch lässt sich der Codex mit der alten Abtei Ellwangen (Diözese Augsburg) in Verbindung bringen; als weiterer Entstehungsort kommt die nahe Abtei Zwiefalten in Betracht, die 1089 von Wilhelm von Hirsau und Bischof Adalbero von Würzburg gegründet wurde. Insgesamt ist das Orlacher Missale in die bedeutende Bewegung der benediktinischen Reform einzuordnen, die im späten 11. Jahrhundert von der Abtei Hirsau und ihrem einflussreichen Abt Wilhelm ausging.
Der Name „Orlacher Missale”
Seinen Namen verdankt der Codex der kleinen Pfarrkirche von Orlach (Unterfranken, Diözese Würzburg, Landkreis Schwäbisch Hall, Baden-Württemberg), an die er im späten 12. Jahrhundert und um 1200 liturgisch gebunden war. Nachträgliche Einträge im Kalender belegen dies unmittelbar: das Kirchweihfest der dem heiligen Kilian, dem „Apostel Frankens”, geweihten Kirche von Orlach sowie die namentliche Erinnerung an Pfarrangehörige aus Orlach und dem benachbarten Zottishofen.
Verbunden ist die Handschrift zudem mit der noch kleineren Margaretenkapelle in Altenberg südlich von Orlach, deren Gründung im Jahr 1067 durch Bischof Adalbero von Würzburg ein hinzugefügter Vermerk gedenkt. Im 15. Jahrhundert (um 1450) eingefügte Blätter stehen in direktem Bezug zur Verehrung der heiligen Margareta und des heiligen Kilian – der Schutzpatrone von Altenberg und Orlach. Weitere Ergänzungen legen nahe, dass der Codex ab dem späten 13. oder 14. Jahrhundert auch in einem franziskanischen Umfeld verwendet wurde.
Buchschmuck und Illustration
Das Orlacher Missale besticht durch feine Feder- bzw. Linienzeichnungen in roter und brauner Tinte. Hervorzuheben sind zwei besondere Blickfänge:
eine große, eindrucksvolle romanische Zierinitiale V mit zoomorphen Elementen, deren Rankenwerk in einer grotesken Maske zusammenläuft und die nach oben von vier Tierköpfen (Adler, Löwe, Bär und vermutlich Fuchs) bekrönt wird (fol. 19);
eine große Kreuzigungsinitiale T, die den „Te igitur” am Beginn des Messkanons eröffnet und eine Kreuzigungsszene zwischen Maria und Johannes zeigt (fol. 37).
Die Analyse des Buchschmucks offenbart enge Bezüge zur oberrheinischen Buchmalerei, insbesondere zu Zentren der einflussreichen Diözese Konstanz. Auffällige stilistische Parallelen bestehen zum berühmten dreibändigen Passionale der Abtei Zwiefalten (Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. bibl. 56–58) sowie zu einem Lektionar-Epistolar (Vatikan, BAV, Pal. Lat. 497), das für die Abtei Sankt Georgen im Schwarzwald entstand.
Die Musik
Zahlreiche liturgische Passagen sind mit interlinearer neumatischer Notation versehen – Sankt-Galler Neumen (diastematisch, ohne Linien), im 15. Jahrhundert ergänzt durch Hufnagelnotation in den eingefügten Blättern. Bislang ist nur ein kleiner Teil dieses musikalischen Bestands erforscht: 2003 legte Julia Gehring eine erste wissenschaftliche Studie vor und transkribierte 23 Alleluia-Melodien für die Sonntage nach Pfingsten. Eine umfassende Untersuchung der im Codex enthaltenen Musik steht noch aus – das Orlacher Missale bietet damit auch für die künftige Forschung ein reiches Feld.
Umfang, Einband und Erhaltung
Der Codex umfasst 232 Blätter Pergament und misst rund 285 × 220 mm (Einband 305 × 230 mm). Er ist in einen deutschen Schweinsledereinband des 16. Jahrhunderts über abgeschrägten Holzdeckeln gebunden, blindgestempelt mit einem zentralen Medaillon in konzentrischen Rahmen, mit Messingschließen. Spuren intensiven liturgischen Gebrauchs – von den Ursprüngen im späten 11. Jahrhundert bis weit ins 15. Jahrhundert hinein – sind an zeitgenössischen Reparaturen und Gebrauchsspuren ablesbar und zeugen von der lebendigen Geschichte dieses Buches.
Provenienz
Das Orlacher Missale kann auf eine herausragende Sammlungsgeschichte zurückblicken. Nach seinen frühen Ursprüngen in Schwaben und der späteren Nutzung in Unterfranken gehörte es der berühmten Sammlung von Sir Thomas Phillipps (1792–1872), dem legendären englischen Antiquar und Büchersammler (Signatur 11909). Über die Versteigerung der Bibliotheca Phillippica bei Sotheby’s am 26. November 1975 gelangte es an den British Rail Pension Fund – eines der ersten großangelegten Experimente, Kunst als Kapitalanlage zu behandeln – und anschließend in die renommierte Sammlung von J. Paul Getty Junior (1932–2003) in der Wormsley Library. Nach einer Zwischenstation in österreichischem Privatbesitz befindet es sich heute in einer europäischen Privatsammlung.
Quelle: Sotheby’s, „A Romanesque Treasure: The Orlach Missal” – Katalog zum Verkauf des Orlacher Missale (Das Orlacher Missale) durch Sotheby’s im Rahmen eines Private-Treaty-Verkaufs. Zur Musik vgl. Julia Gehring, Studie zum Orlacher Missale, 2003.

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Das European Heritage Project hat eine Darstellung Münchens erworben, die der Künstler Bernardo Bellotto, auch Canaletto genannt, während seiner Zeit in der Isarmetropole malte. Außerdem konnte eine Vorzeichnung und ein Stich, der wahrscheinlich kurz nach dem Bild entstand, erworben werden. Durch den Erwerb der Werke konnte das European Heritage Project den Verbleib eines Teils der bayerischen Kulturgeschichte in der Region sichern.



















